Grußwort des Bürgermeister

Bürgermeister Carsten Wewers

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Projektteilnehmerinnen und –teilnehmer,
liebe Kinder und Jugendlichen,

das ganze Ausmaß des Holocausts wurde erst nach der Zerschlagung des NS-Regimes bekannt. Aber einige der Untaten geschahen vor aller Augen, wie etwa das Novemberpogrom 1938. Genau heute vor 80 Jahren brannten überall in Deutschland Synagogen, etwa 1.400 jüdische Gotteshäuser wurden angezündet, Menschen beraubt, verschleppt und ermordet. Nicht nur die Gewalt dieser Nacht ist beschämend, sondern vor allem auch die Tatsache, dass die schweigende Mehrheit sie einfach zuließ. Am 9. November 1938 bewiesen die Deutschen ihre erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber dem hässlichen Unrecht an unschuldigen Mitbürgern. Niemand stand den Betroffenen bei – weder in dieser Nacht noch bei den in den folgenden Jahren stattfindenden Deportationen in den Tod.

An diese Verbrechen zu erinnern ist schmerzhaft, jede Auseinandersetzung mit dem Holocaust stößt an Grenzen. Denn was geschah, das übersteigt jedes Begreifen. Es fehlen die Worte, um das Leid, das den Menschen damals zugefügt wurde, zu beschreiben; es ist kaum fassbar, wie unmenschlich, wie brutal die Täter vorgingen und wie bürokratisch-fabrikmäßig der Massenmord betrieben wurde.

Deshalb tragen wir die historische Verantwortung, dass solche Untaten nie wieder verübt werden. Verantwortung heißt nicht Schuld. Schuld ist individuell, Schuld haben Täter. Wir, die heute lebenden Deutschen, wir stehen hingegen in der Verantwortung, uns unserer Geschichte zu stellen und die Opfer nicht zu vergessen.

Auch im Hinblick darauf, dass es bis heute Unbelehrbare gibt, die die Fakten leugnen oder verfälschen, und dass die Zahl der Rechtsextremen zunimmt, die im Internet Hassparolen verbreiten. Deshalb müssen wir immer wieder die ganze Wahrheit verbreiten. Nur wer weiß, was passiert ist, kann einerseits überzeugend argumentieren sowie andererseits die richtigen Schlüsse ziehen und die richtigen Entscheidungen treffen.

Dass Deutschland sich gewandelt und seine ganze Geschichte angenommen hat, das hat ihm wieder Ansehen in der Welt eingebracht. Und damit geht die Verpflichtung einher, wachsam zu sein gegenüber allen Formen von Geschichtsklitterung sowie der Diskriminierung Andersdenkender oder -gläubiger; damit geht die Verpflichtung einher, überall für die Wahrung der Menschenrechte einzutreten.

Für junge Menschen ist die NS-Zeit eindeutig Geschichte. Ein Abstand von 60 Jahren gilt als Zäsur. Dann sind die Geschehnisse nicht nur aus dem eigenen Erleben, sondern auch dem der Familie, der Eltern und Großeltern, gerückt; dann gibt es kaum noch Zeitzeugen, die im direkten Gegenüber authentisch berichten. Dann beginnt das Vergangene zu verblassen, sofern die Erinnerung nicht wachgehalten wird.

Ich danke daher dem Verein JOE e.V. und dessen Ideen- und Impulsgeber Herrn Nils Stanigel, dem gesamten Organisationsteam und allen beteiligten Vereinen und Einrichtungen, die mit den beispiellosen Aktionswochen „Jugend im Holocaust“ unsere Vergangenheit wachhalten und einen wertvollen Beitrag zur Gedenkkultur leisten.

Carsten Wewers

 

 

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