Jugend im Holocaust

Die Zeit des Holocausts hat wie alles auch zwei Seiten: auf der einen Seite die Kinder und Jugendlichen, die voll vom System der NSDAP eingenommen wurden, und auf der anderen Seite die Kinder und Jugendlichen, die ausgegrenzt und ermordet wurden.

Die NSDAP schuf ein perfides System der Vereinnahmung der Gesellschaft: beinahe jeder Berufsstand hatte seinen eigenen Verband und die vor der Machtübernahme vorhandenen Vereine wie Schützenvereine oder Kegelclubs kamen unter die Schirmherrschaft der Partei. Vereine, die den Nationalsozialisten suspekt waren, wurden zur Selbstauflösung gedrängt oder einfach verboten.

Kinder und Jugendliche konnten sich dem Einfluss der Partei kaum entziehen. In den Schulen wurden zwar weiterhin die üblichen Fächer unterrichtet, aber alle Fächer bekamen eine ideologische Färbung, die genau darauf abzielte, dass die Kinder und Jugendlichen nur noch getreu der Parteilinie zu denken hatten.

Ab dem 10.Lebensjahr wurden die Jungen in die Hitlerjugend (HJ) und die Mädchen in den Bund deutscher Mädchen (BDM) gezwungen. Gezwungen in dem Sinne, dass es ab dem 1.12.1936 eine gesetzliche Verpflichtung zum Beitritt gab und die NSDAP anderen Trägern der Jugendarbeit, wie z.B. den Kirchen und den Pfadfindern, die Arbeit unmöglich machte. Wer sich der HJ und dem BDM entziehen wollte, bekam Schwierigkeiten bei der späteren Berufswahl und ein Hochschulbesuch wurde erschwert. Eltern, die dagegen waren, dass ihre Kinder in die Jugendorganisation eintraten, mussten mit erheblichen beruflichen und sozialen Sanktionen rechnen.

In der HJ wurden die Jungen spielerisch auf den späteren Wehrdienst vorbereitet. Militärischer Drill und ideologische Schulungen waren Alltag in der HJ. Versagen war verboten. Die Mädchen sollten im BDM auf ihre Rolle als deutsche Mutter vorbereitet werden. Es gab auch Sportveranstaltungen, bei denen Versagen verpönt war, aber es wurde durch die ideologischen Schulungen mehr Wert auf die sog. weiblichen Aspekte der Mutterschaft und der Hausfrau gelegt.

Die Zeit in der HJ und dem BDM endete eigentlich mit 18 Jahren. Nach der HJ und dem BDM sollten sowohl die Jungen als auch die Mädchen den sog. Reichsarbeitsdienst versehen. Konkret hieß dies, dass sie an allen möglichen Stellen im Reichsgebiet als Arbeiter eingesetzt werden konnten. Teilweise waren sie Erntehelfer, Kindermädchen bei kinderreichen arischen Familien oder wurden beim Bau von militärischen Anlagen eingesetzt. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Jungen vielfach in der Fernmeldetechnik oder der Postzustellung eingesetzt, da die wehrfähigen Männer in der Wehrmacht waren.

Je länger sich der Krieg hinzog und je höher die Verluste an Menschenleben an der Front wurden, desto kürzer wurde die Reichsarbeitszeit der Jungen und sie wurden zum Ende des Krieges hin sogar mit nur knapp 16 Jahren (teilweise noch jünger) im sog. Volkssturm mit dem letzten Aufgebot an Soldaten gegen die anrückenden Alliierten in die Kämpfe geschickt. Mädchen mussten während des Krieges u.a. Sanitätsdienst in den bombardierten Städten leisten und an den Flugabwehrkanonen (Flak) sitzen.

Nach dem Krieg wurde die HJ und alle ihre angegliederten Abteilungen durch die Alliierten verboten.

Mit der Machtübernahme durch die NSDAP am 30.01.1933 änderte sich nicht nur für Erwachsene jüdischen Glaubens sondern auch für deren Kinder einiges. Kinder und Jugendliche, bei denen die politische Gesinnung der Eltern nicht dem Nationalsozialismus entsprach oder die aus sog. asozialen Verhältnissen (wozu auch fast immer die Herkunft aus Sinti- und Romafamilien gezählt wurde), litten ebenso unter Repressalien seitens der Gesellschaft und der Gesetzgebung der Nationalsozialisten.

Schon kurz nach dem 30.01.1933 wurden jüdische Schüler den Demütigungen der Mitschüler und der Lehrkörper ausgesetzt. Jüdische Schüler wurden nach und nach durch das „Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen“ (April 1933) aus dem Unterricht verdrängt und ab dem November 1938 durften sie keine öffentlichen Schulen mehr besuchen.

Durch Gesetze, die Juden gezielt aus dem Staatsdienst und freien Berufen wie z.B. Anwälte, Journalisten und Apotheker entfernen sollten, verloren viele Familien ihr Einkommen. Beihilfen für jüdische Familien mit vielen Kindern wurden im Jahr 1936 gestrichen. Jüdische Kaufleute wurden ab 1938 massiv dazu gedrängt, ihre Betriebe zwangsweise zu verkaufen- in fast allen Fällen wurden diese Verkäufe weit unter Wert getätigt.

Mit den Jahren wurden immer mehr Gesetze zur Ausgrenzung und Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung erlassen: Kinos, Theater und Schwimmbäder waren tabu; Haustiere, Fahrräder, Radios und Telefone mussten abgegeben werden; sie durften nur noch zu Friseuren und Ärzten, die jüdischen Glaubens waren; sie durften nicht mehr in Gärten sitzen und zu bestimmten Zeiten hatten sie Ausgangssperre; usw.

Der gelbe Stern, der als öffentliches Erkennungsmerkmal für Juden galt, wurde 1941 eingeführt und mit dem 6.Lebensjahr waren Juden verpflichtet, diesen auf Brusthöhe auf sämtlichen Hemden, Blusen, Jacken und Mänteln anzubringen. Zusätzlich musste männlichen Vornamen der Name Israel, weiblichen Vornamen der Name Sara hinzugefügt werden.

Nach der Reichspogromnacht vom 9.11.1938 wurden ungefähr zehntausend jüdische Kinder in England durch die sog. Kindertransporte aufgenommen. Die meisten dieser Kinder sahen ihre Eltern nicht wieder. Einige jüdische Familien flohen schon mit Beginn der NSDAP-Regierung in andere Länder. Nicht selten wählten die Familien dafür die Nachbarländer von Deutschland. Das berühmteste Beispiel dafür ist Anne Frank, deren Familie von Frankfurt/ Main nach Amsterdam emigrierte. Diese Familien wurden dann mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges doch noch vom Holocaust eingeholt.

Ende April 1939 wurden jüdische Mieter und Hausbesitzer aus ihren Wohnungen und Häusern zwangsweise ausquartiert und sie mussten in sog. Judenhäuser umziehen. Durch Meldelisten, Kennkarten und dem im Ausweis eingestempelten J für Jude waren die Menschen wie auf einem Präsentierteller für die Gestapo und die Deportationen aus Deutschland in die Vernichtungslager in Polen konnten beginnen.

In den Lagern angekommen, wurden Familien ohne Rücksicht auseinandergerissen. Wen die KZAufseher nicht als arbeitsfähig erachteten, wurde meistens sofort vergast. Dementsprechend sind viele Kleinkinder und Kinder bis zur Pubertät kaum unter den KZ-Überlebenden zu finden. In manchen Lagern gab es aber auch Blöcke, in denen nur Kinder ohne ihre Eltern hausen mussten. Viele Kinder sind in den Lagern von SS-Ärzten als medizinische Versuchsobjekte missbraucht worden. Die meisten haben diese Experimente nicht überlebt. Säuglinge wurden meistens sofort vergast, aber es wurden auch Babys vor den Aufsehern versteckt. Jugendliche, die vor der Ankunft im Lager noch kräftig waren, mussten ebenso wie Erwachsene Zwangsarbeit verrichten.

Schätzungsweise kamen im Holocaust 1,5 Millionen Kinder ums Leben. Nur etwa 150.00 Kinder bis 16 Jahre überlebten.

Text: Katharina Löchel , Oer-Erkenschwick
Fotos: Wikipedia (Bundesarchiv) u.a. Quellen

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